May-Britt Müller im Interview

May-Britt Müller, 1970 in Bad Pyrmont geboren und in Ostwestfalen-Lippe aufgewachsen, lebt mit ihrer Familie im Landkreis Stade. Die Kultur­wissenschaftlerin sammelte in ihrem ehren­amtlichen und beruflichen Leben Erfahrungen in Natur- und Umwelt­verbänden, Bürger­gruppen, Wissenschaft und Kommunen. Bis 2019 war sie 18 Jahre lang für die Aufgaben­bereiche Stadt­marketing, Agenda21 und Tourismus in einer kommunalen Behörde in Niedersachsen verantwortlich.

Stimmt es, dass Sie mit 17 in ihrer lippischen Heimat Hecken gepflanzt haben, während die anderen Party machten?

Das eine schließt das andere ja nicht aus (lacht). Doch ich war immer schon gerne draußen, auch als Jugendliche. Mit 17 gründete ich mit einer Freundin die Naturschutzjugend Ostwestfalen-Lippe. Und da haben wir dann tatsächlich auch Hecken gepflanzt. Aber wir waren auch politisch unterwegs, demonstrierten gegen Fastfood und für eine saubere Nordsee. Ich wollte die Welt verändern und in gewisser Weise möchte ich das heute immer noch.

Landmensch oder Stadtmensch?

Um mich herum brauche ich Landschaft und Natur. Landschaften prägen uns, davon bin ich überzeugt. In meiner heutigen Heimat, zu Hause zwischen Elbe und Weser, sind wir mit wunderbaren Landschaften reich beschenkt: Die großen Flüsse mit ihren weiten Marschen, die Moore und die Geest mit ihren Wäldern und Wiesen… Etwas hügeliger könnte es sein, so wie in Ostwestfalen/Lippe (lacht). Die Menschen zwischen Elbe und Weser haben aber ja auch vier Hansestädte in der Nachbarschaft: Hamburg, Bremen, Stade und Buxtehude. Wir können also das Landleben genießen und müssen nicht aufs Stadtleben verzichten, weil es gleich um die Ecke zu finden ist!

Viele Menschen, besonders die mit Familie, ziehen von der Stadt aufs Land…

Ja, das ist ein gutes Zeichen – aus zweierlei Gründen:
Erstens zeigt sich, dass es in den vergangenen Jahren gelungen ist, das Land zwischen Elbe und Weser noch attraktiver zu machen. Aus meiner Stadtmarketingarbeit weiß ich, wie wichtig es war, professionell das kulturelle Leben im weitesten Sinne gemeinsam mit vielen Ehrenamtlichen nachhaltig zu bereichern – mit Open-Air-Konzerten beispielweise – ob Rock oder Klassik, mit originellen Märkten, mit Angeboten für alle Altersklassen.
Der zweite Grund: Viele Neubürgerinnen und Neubürger wollen mit ihren Ideen das Engagement der Einheimischen unterstützen und dann kommt richtig Fahrt in die Sache.
Eine Kommune ist gut beraten – im wörtlichen Sinne – diesen Prozess professionell begleiten zu lassen. Für mich zählt es zu den schönsten beruflichen Erfahrungen, Erfolge mit motivierten Menschen zu teilen, die für ihre Heimat etwas auf die Beine stellen, das von Dauer und hoher Qualität ist.

Was bringt es eigentlich, wenn Bürgerinnen und Bürger ihre Ideen in einer Gemeinde oder einem Landkreis einbringen möchten?

Enorm viel! Denken Sie an die vielen guten Beispiele aus dem Land zwischen Elbe und Weser: Vom Bürgerbus bis zum mobilen Einkaufsladen, vom „Kulturspeicher“ bis zum Naturerlebnis-Schiff, die letztlich durch Engagement von Bürgerinnen und Bürgern zustande gekommen sind. … Da wird ganz viel Infrastruktur wiederhergestellt oder neu geschaffen, die das Landleben bereichert, erleichtert, schöner macht. Eine Reihe von Kommunen weiß das zu schätzen und profitiert sehr davon.

Nicht selten scheitern gute Ideen am Geld…

Dabei gibt es Geld genug – selbst in Krisenzeiten. Viele Fördertöpfe sind bei weitem nicht ausgeschöpft. Die EU, das Land Niedersachen, der Bund und einige Stiftungen haben spezielle Programme aufgelegt, die das Landleben nachhaltig stärken. Wer an Fördermittel kommen will, benötigt allerdings eine Führung durch den Antragsdschungel – ich kenne die verschlungenen Pfade aus Erfahrung und unterstütze andere gern auf ihrem Weg. Förderrichtlinien sind für Laien kompliziert. Meine Aufgabe ist es, einen Projektantrag so zu formulieren, dass gute Chancen auf dessen Bewilligung bestehen – eben, weil er präzise auf die jeweiligen Förderrichtlinien zugeschnitten ist. In anderen Fällen gilt es, auf Sponsoren zuzugehen.

Viele Menschen wollen sich mit einem konkreten Projekt für die Allgemeinheit engagieren und haben Ideen, scheitern aber oft an bürokratischen Hürden…

Hürden gibt es zum Beispiel durch gesetzliche Vorgaben und politische Entscheidungsprozesse, die ja wichtig sind. Diese Hürden sind aber meistens nicht so hoch wie sie Außenstehenden erscheinen. Zweckmäßig ist es, rechtzeitig mit der Stadt, der Gemeinde oder dem Landkreis sowie dem Geldgeber zu kommunizieren und etwas Geduld mit zu bringen.

Warum tun sich Kommunen manchmal schwer mit einem Bürgerprojekt?

Verwaltung und Kommunalpolitik nehmen Ideen meiner Erfahrung nach in der Regel durchaus positiv auf. Sie wollen aber frühzeitig einbezogen sein – und das zu Recht. Das Bürgerprojekt sollte schließlich zu den Vorstellungen und dem Entwicklungskonzept der Gemeinde passen, muss auch gesetzlichen Vorgaben wie etwa dem Planungsrecht entsprechen und sollte der Kommune möglichst wenig Kosten verursachen. Während meiner 18 Jahre in der Kommunalverwaltung habe ich Verständnis für alle Seiten entwickelt. So konnten wir gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern Ergebnisse erzielen, die jetzt schon über Jahre Bestand haben.

Städte und Gemeinden bedienen sich ja bei Projekten, die die Planung der Kommune nachhaltig betreffen, meistens Ingenieurbüros, die mehrere der gewünschten Dienstleistungen unter einem Hut anbieten… Wo ist da Platz für Frau Müller?

Die Expertise der Büros, die ich kenne, ist hervorragend. Doch alle Beteiligten – ob Kommune, Bürger oder die Planungsbüros – beklagen oft zeitraubende und dadurch teure Reibungsverluste. Die sind vermeidbar – eben durch meinen Einsatz. Auch hier spielt die Kommunikation eine wichtige Rolle. Optimal für den Projektablauf ist es, wenn eine erfahrene Ansprechpartnerin vor Ort ist, die die lokalen Gepflogenheiten und Besonderheiten im Miteinander kennt, Ortskenntnisse hat und allen Beteiligten vermittelt, worauf es Kommune und Planungsbüro ankommt.

Welche Werte sind Ihnen in der Zusammenarbeit mit anderen Menschen wichtig?

Freies Denken, Toleranz, Engagement, Mut, Humor, Kreativität, Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit.

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